Wanda Wiłkomirska, die bedeutendste und bekannteste
polnische Geigerin, entstammt einer angesehenen Musikerfamilie. Den
ersten Violinunterricht erhielt sie von ihrem Vater. Das Musikstudium
schloss sie mit einem Diplom der Staatlichen Musikhochschule in Lodz
in der Klasse von Prof. Irena Dubiska (1947) und der Ferenc Liszt-Akademie
in Budapest in der Klasse von Ede Zathureczki (1950) ab. Um ihr Violinspiel
zu vervollkommnen, setzte sie nach dem Studium ihre Ausbildung in Paris
bei Henryk Szeryng und in Warschau bei Tadeusz Wroński fort; letzterer
bereitete sie auf den Henryk Wieniawski-Wettbewerb in Posen vor.
W.
Wiłkomirska ist Preisträgerin der Violinwettbewerbe in Genf (1946),
Budapest (1949), Leipzig (1950) und Posen (1952). Die erfolgreiche
Teilnahme an diesen Wettbewerben sowie Auftritte mit der Warschauer
Philharmonie machten die Künstlerin in Polen und im Ausland bekannt.
Von besonderer Bedeutung für ihre Karriere war die musikalische
Verbindung zu dem Dirigenten Witold Rowicki, der die Warschauer Nationalphilharmonie
entscheidend prägte. Im Jahre 1955 wurde Wanda Wiłkomirska zur
Solistin des Orchesters ernannt. Zusammen mit Rowicki konzertierte
sie auf vielen Bühnen der Welt. Einen Wendepunkt in ihrer Karriere
stellte der Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall dar, wo sie im
Jahre 1961 zusammen mit dem Orchester der Nationalphilharmonie das
Violinkonzert Nr. 1 von Karol Szymanowski spielte. Sol Hurock, damals
der berühmteste Musikimpressario, der so namhafte Geiger wie I.
Stern und D. Oistrach betreute, bemerkte die außergewöhnliche
Begabung W. Wiłkomirskas und öffnete ihr die Tore zum amerikanischen
und kanadischen Musikmarkt. Von nun an konzertierte sie jährlich
in Amerika im Rahmen von Violinabenden und Philharmoniekonzerten. Im
Jahre 1968 nahm sie eine ständige Zusammenarbeit mit der Plattenfirma
Connoisseur Society in New York auf, für die sie 12 Platten einspielte,
von denen zwei die Auszeichnung „Best of the Year“ (1972)
und den „Grand Prix du Disque“(1974) erhielten. Seit jener
Zeit arbeitet die Geigerin mit den größten Plattenfirmen
wie Deutsche Grammophon, EMI, Philips, Naxos und Polskie Nagrania zusammen.
Im
Jahre 1969 errang W. Wiłkomirska große künstlerische Erfolge
in Australien. 1973 trat sie als erste Solistin in der Sydney Opera
auf. Mit ihrem Spiel gewann sie große Anerkennung; die Geigerin
wurde zu zahlreichen Violinabenden und Konzerten mit australischen
Symphonieorchestern eingeladen. Seit Anfang der sechziger Jahre konzertiert
sie in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt, z.B. Carnegie
Hall, Lincoln Center New York, Salle Pleyel in Paris, Gewandhaus zu
Leipzig, Royal Festival Hall, Großer Saal des Tschaikowski-Konservatoriums
Moskau, Berliner Philharmonie und Sydney Opera. Wanda Wilkomirska trat
u. a. mit folgenden Orchestern auf: New York Philharmonic, Cleveland
Orchestra, Halle Orchester, Royal Philharmonic, Sydney Symphony, Gewandhausorchester
Leipzig, Scottish Chamber Orchestra, Royal Concertgebouw Orchester,
Berliner Philharmoniker. Sie spielte unter der Leitung so berühmter
Dirigenten wie Paul Klecki, Pierre Boulez, Paul Hindemith, Otto Klemperer,
Zubin Mehta, Sir John Barbirolli, Wolfgang Sawallisch, Kurt Masur und
Erich Leinsdorf. Unter der Leitung von Leinsdorf eröffnete sie
1976 mit einer Aufführung des Violinkonzerts von B. Britten die
weltberühmte Barbican Hall in London. 1986, nachdem die institutionelle
Apartheid in Südafrika abgeschafft worden war, nahm sie erstmals
eine Einladung zu dortigen Konzerten an. Seitdem kann man sagen, Wanda
Wilkomirska sei auf allen fünf Kontinenten bekannt. Trotz dieser
Erfolge führte sie ihre Zusammenarbeit mit kleineren polnischen
Orchestern und Philharmonien fort, wodurch sie immer wieder neue Fans
unter den Musikliebhabern und in Musikerkreisen gewinnen konnte.
Die
Kammermusik nimmt einen sehr wichtigen Platz in der musikalischen Tätigkeit
der Geigerin ein, die in jungen Jahren mit ihrer Schwester Maria am
Klavier und ihrem Bruder Kazimierz am Violoncello als "Trio Wilkomirski" auftrat.
Als Kammermusikerin arbeitete sie auch mit so bekannten Musikern wie
Krystian Zimerman, Gidon Kremer, Martha Argerich, Kim Kashkashin und Mischa
Maisky zusammen. Sie trat u. a. bei den Festivals „Bravo Maestro“, "Gidon
Kremer & Friends" in Kumho und "Martha Argerich & Friends" in
Bochum auf. Mehrfach wurde die Künstlerin zur Teilnahme an Musikfestivals
in Edinburg, Wien, Salzburg, Paris und Warschau eingeladen.
In
ihrer Karriere spielen Uraufführungen polnischer zeitgenössischer
Musikwerke eine große Rolle. Zu den wichtigsten Uraufführungen
gehören Werke wie das Violinkonzert Nr. 5 (1951) und das Violinkonzert
Nr. 7 (1979) von Grażyna Bacewicz, die Espressioni Varianti von Tadeusz
Baird (1959), Dialoghi per violino e orchestra von Augustyn Bloch (1966),
das Capriccio von Krzysztof Penderecki (1968), das Violinkonzert von
Zbigniew Bargielski (1977), das Violinkonzert von Zbigniew Bujarski
(1980), die Sonate von Roman Maciejewski (1998) und das Konzert für
Violine und Orchester von Włodzimierz Kotoński (2000).
Im
Jahre 1982, zur Zeit des Kriegsrechts, emigrierte Wanda Wiłkomirska
und ließ sich in der Bundesrepublik Deutschland nieder. Im Jahre
1983 erhielt sie eine Professur an der Staatlichen Hochschule für
Musik Heidelberg-Mannheim. Seitdem ist das Unterrichten eine große
Leidenschaft der Geigerin.
Wanda
Wiłkomirska ist häufig Jurymitglied bei Violinwettbewerben, u.
a. in Moskau, Tokyo, London, München, Wien, Graz, Hannover, Gorizia,
Lichtenberg, Posen, Lodz und Lublin.
Nachdem
die Künstlerin in den Ruhestand getreten war, nahm sie, immer
noch voller vitaler und musikalischer Kräfte, einen Lehrauftrag
am Sydney Conservatorium of Music an. Sie gibt häufig Meisterkurse
in Polen, Japan, der Schweiz, Italien, Finnland, Australien, Österreich
und Deutschland.
Für
ihre künstlerische Tätigkeit wurde sie mit dem Staatspreis
1. und 2. Klasse, dem Kommandeurskreuz des Ordens der Wiedergeburt
Polens und dem Kommandeurskreuz mit Stern ausgezeichnet. Außerdem
verliehen die australischen Auslandpolen der Geigerin einen Orden und
die Karol Szymanowski-Stiftung eine Auszeichnung.
Wanda
Wiłkomirska spielt auf einer Violine von Pietro Guarneri (Venedig)
aus dem Jahre 1734.
POLSKIE NAGRANIA, 2006